„Weil Du mir gehörst.“ – Eine Rezension und die Bedeutung von Entfremdung in der Familienmediation


Die ARD-Produktion „Weil Du mir gehörst“ ausgestrahlt am12.02.2020 lenkt den Fokus der Öffentlichkeit auf ein Thema, das in der Praxis der Familienmediation in unterschiedlicher Ausprägung immer mal wieder eine Rolle spielt: Der Eltern-Kind-Entfremdung.

Der Spielfilm erzählt, er folgt ja neben dem Informations- auch dem Unterhaltungsauftrag – eine extreme Variante elterlicher Manipulation: Das dem Einfluss der durch die Trennung verletzten Mutter ausgesetzte Kind wird schleichend indoktriniert. So finden die vereinbarten Treffen mit dem Vater nicht statt, dann verzieht die Mutter mit dem Kind ins Unbekannte, lässt die Handyanrufe der Tochter an den Vater ins Leere laufen. Am Ende des Prozesses verweigert die Tochter den Kontakt zum Vater, lehnt ihn ab und beschreibt ihn als gewalttätig.

Die Fälle in der realen (Mediations-)Praxis sind in der Regel weniger schwarz-weiß, die Beeinflussungen subtiler und oft ohne gezielte Absicht, in ihrer Wirkung auf die Kinder aber sehr ähnlich.

Die anschließende multidisziplinäre Talkrunde (ARD Mediathek) zeichnet ein differenziertes Bild und legt nahe, dass das Phänomen nicht geschlechterspezifisch entsteht, sondern seine Ursache in einer destruktiven Paardynamik nach Trennung zu suchen ist.

Eltern-Kind-Entfremdung ist ein sich chronifizierender Prozess, der, je länger er anhält, immer schwerer aufzulösen ist. Hat sich der Wille des Kindes einmal geformt, wird er im Zuge der eigenen Autonomieentwicklung vom Kind verteidigt und die zunehmende Wahrnehmungsverzerrung der Eltern befördert eine Eskalation, in der beide Eltern davon überzeugt sind, im Sinne des Kindes zu handeln.

Wie lassen sich solche Tendenzen in der Mediation erkennen?

Kriterien, die auf eine Eltern-Kind-Entfremdung hinweisen, sind unter anderem, dass sich die Kinder nicht altersgemäß äußern, unkindlich wirken und ihre Verweigerung nicht nachvollziehbar begründen und andererseits darauf bestehen, dass es ihre eigene Meinung sei. Die sonst zu erwartende Ambivalenz und Loyalitätskonflikte fallen weg. Kinder, die einen Elternteil derart ablehnen, haben keine Schuldgefühle mehr und werten meist nicht nur den entfremdeten Elternteil, sondern auch deren Familie ab. Durch diese Ablehnung rutschen sie oft schleichend in eine dauerhafte Identitätskrise, da sie durch die Ablehnung des Vaters oder der Mutter auch einen Teil von sich selbst ablehnen. Berichten die Eltern von diesen Symptomen – auch in abgeschwächten Varianten - oder erkennen wir sie in Mediationssitzungen, in denen die Kinder anwesend sind, so ist eine besondere Sensibilität gefragt: Ist Mediation noch sinnvoll und können die Eltern wirklich Lösungen auf Augenhöhe erarbeiten oder ist an eine andere Stelle zu verweisen? Denn wenn ein Kind geschützt werden muss, müssen wir professionell agieren – unsere Aufgabe ist nicht, das Kind zu retten, sondern einen Raum zu schaffen, in dem sich die Eltern konstruktiv begegnen können, um eine Lösung für sich und das Kind zu erarbeiten. Wenn in der Verarbeitung der enttäuschten Paarbeziehung verletzte Gefühle zur Rache eskalieren, dann kann kein Gespräch stattfinden, in dem das Wohl des Kindes fokussiert wird und somit ist dann keine Basis für eine Mediation gegeben. Das ist vielleicht ernüchternd, aber so ist es.

Dennoch kann Mediation in diesem Feld auf andere Weise wertvoll sein: Aus unserer Sicht braucht es ein frühzeitiges und sensibles Zusammenwirken der Fachkräfte, um in frühen Stadium Lösung zu finden.

Der Film endet mit der richterlichen Anordnung, die Eltern sollen sich in einen Beratungsprozess begeben. Glücklicherweise landen Eltern wie diese meist nicht in der freien Mediationspraxis. Eltern, die sich auf dieser Eskalationsstufe befinden, sind in entsprechenden Beratungsstellen, die neben mediativen auch beraterische und therapeutische Kompetenzen vorweisen, gut aufgehoben.


Dieser Text erscheint in gekürzter Version im Spektrum der Mediation Ausgabe 79 | 1. Quartal 2020.

Der Film ist in der ARD Mediathek zu sehen.

Eve Rennebarth & Zoë Schlär


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