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Zwischen dem Wissen, dass du da bist, und dem Versuch, dich zu verstehen

Als Annika und Charlotte sich nach langer Zeit wieder gegenübersaßen, stand kein großer Streit zwischen ihnen, sondern eine große Ratlosigkeit. Zwei Schwestern, die sich über die Jahre voneinander entfernt hatten und irgendwann begonnen hatten, die Stille mit Erwartungen zu füllen. Jede mit einer Vorstellung davon, was die andere hätte geben sollen. Mehr Interesse, mehr Teilhabe, mehr Verständnis.


Sie lebten längst in unterschiedlichen Wirklichkeiten. Annika mit einem vollen Kalender, beruflich erfolgreich, ständig unterwegs. Charlotte mit drei Kindern, einem Haus, einem Alltag, der kaum Pausen kannte. Als sich schließlich entlud, was lange keinen Ort gehabt hatte, folgte kein weiterer Streit, sondern etwas Schwereres. Eine Funkstille, in der keine von beiden wusste, wie sie die andere noch erreichen konnte.


In der Mediation sprachen sie zum ersten Mal wirklich miteinander. Charlotte über die Erschöpfung, die entsteht, wenn man dauerhaft für andere sorgt. Annika – zum ersten Mal laut – darüber, wie schmerzhaft es für sie war, keine Kinder zu haben. Wie sehr sie die Zugehörigkeit vermisste, die Charlotte manchmal als selbstverständlich und manchmal als Enge erlebte. Beide hatten angenommen, die andere habe genau das Leben, das sie wollte. Beide hatten nicht gesehen, was es sie kostete.


Es ging in diesen Gesprächen nicht um Schuld, nicht einmal um Verantwortung. Sondern darum, die Innenseite der Entscheidungen sichtbar zu machen. Was entstand, war keine Auflösung aller Unterschiede, aber eine neue Genauigkeit im Blick aufeinander. Charlotte sagte irgendwann, dass sie keinen ständigen Kontakt brauche. Was ihr wichtig sei, sei das Wissen, dass Annika da ist. Annika verstand, dass genau darin die Verbindung lag. Nicht in der Häufigkeit, sondern in der Selbstverständlichkeit.


Am Ende stand keine Vereinbarung darüber, wie oft sie sich sehen würden. Was entstand, war weniger sichtbar und vielleicht deshalb dauerhafter: die Erkenntnis, dass Teilhabe nicht bedeutet, alles zu teilen, sondern einander im Leben zu wissen.

Manchmal reicht genau das.



 
 
 

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