Business ist nicht neutral. Warum ein feministischer Blick Organisationen stärkt
- Zoë Schlär

- 21. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, was eine feministische Haltung in der Mediation bedeutet und was sie in professionellen Kontexten sichtbar machen kann. Dabei geht es für mich immer wieder um Macht, um Gleichwürdigkeit und um Verantwortung. Daran möchte ich hier anknüpfen und den Blick bewusst in den Businesskontext richten. Denn Organisationen und Unternehmen sind keine neutralen Räume. Sie sind geprägt von Hierarchien, Abhängigkeiten, Rollenbildern und unausgesprochenen Erwartungen. Und sie sind auch heute noch deutlich von Geschlechterverhältnissen durchzogen. Ein feministischer Blick ist deshalb für mich kein Zusatz und keine Ideologie, sondern eine professionelle Haltung, um Dynamiken wahrzunehmen, die sonst oft unsichtbar bleiben und gerade dadurch wirksam sind.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Konflikte im Businesskontext nicht nur auf der Sachebene entstehen, sondern auf einer Ebene, auf der Macht, Zuschreibungen und Grenzfragen eine zentrale Rolle spielen. Wer kann hier wie sprechen. Wer trägt welches Risiko. Wessen Auftreten gilt als selbstverständlich professionell und wessen wird kommentiert, bewertet oder relativiert. Macht zeigt sich nicht nur in Organigrammen oder Entscheidungsbefugnissen, sondern auch in Tonlagen, in Selbstverständlichkeiten, in kleinen Sätzen, in Blicken und in dem, was gesagt werden darf und was besser nicht.
In meinen aktuellen Prozessen beobachte ich, dass insbesondere jüngere Frauen unangenehme Situationen nicht mehr einfach still aushalten. Sie sprechen an, wenn sie auf ihr Geschlecht reduziert werden. Wenn Bemerkungen, Zuschreibungen oder Grenzverschiebungen für sie eine übergriffige Qualität haben. Gleichzeitig erlebe ich, wie sensibel und vorsichtig viele von ihnen dabei sind. Nicht, weil sie sich ihrer Wahrnehmung nicht sicher wären, sondern weil sie sehr genau mitdenken, was es für sie bedeuten kann, etwas anzusprechen. Die Sorge, als schwierig, humorlos oder nicht belastbar zu gelten, ist häufig präsent. Ebenso die Angst, dass Offenheit ihnen im beruflichen Kontext schaden könnte. Diese Ambivalenz ist keine individuelle Schwäche. Sie ist Ausdruck realer Machtverhältnisse.
Sehr konkret zeigt sich das in vielen kleinen, aber wirksamen Situationen. In der jungen Frau, die neu in einer Führungsrolle ist und von älteren männlichen Kollegen hört: „Das lernst du schon noch, Maus.“ In der jungen Teamleiterin, die enorm viel Zeit und Energie darauf verwendet, die „richtige“ Kleidung zu wählen, nicht zu streng, nicht zu weich, nicht zu auffällig, nicht zu unauffällig. Eine zusätzliche mentale und zeitliche Belastung, ein permanenter innerer Abgleich, den viele Männer in dieser Form nicht kennen. Und nach wie vor berichten Frauen regelmäßig von unangemessenen Nachrichten, anzüglichen Kommentaren oder grenzüberschreitenden Texten häufig älterer Kollegen, mit denen sie dann umgehen müssen, zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit.
All dieses oft unbedachte, sicher nicht immer böse gemeinte Verhalten erzeugt eine Mehrbelastung. Es bindet Aufmerksamkeit, Energie und innere Arbeit. Es verschiebt Verantwortung auf diejenigen, die etwas einordnen, abwehren, relativieren oder schlucken müssen. Genau hier wird Macht wirksam.
Ein feministischer Blick in der Mediation bedeutet für mich nicht, Schuldige zu suchen oder Menschen zu beschämen. Es geht nicht darum, Täter und Opfer zu produzieren. Es geht darum, sichtbar zu machen, in welchen Kontexten Menschen handeln. Welche Machtverhältnisse wirken. Welche Risiken ungleich verteilt sind. Wer sich etwas leisten kann und wer sehr genau abwägen muss. Wenn diese Ebenen in einen Prozess geholt werden dürfen, verschiebt sich der Fokus. Weg von individueller Empfindlichkeit hin zu struktureller Verantwortung. Weg von der Frage „Wer hat sich falsch verhalten“ hin zu der Frage „In welchem Gefüge bewegen wir uns hier und was braucht es, damit Zusammenarbeit gleichwürdiger werden kann“.
In meiner Erfahrung entsteht genau dort oft spürbare Entlastung. Für die, die bislang viel geschluckt, sortiert und getragen haben. Aber auch für die, die plötzlich verstehen, warum bestimmte Spannungen da sind, die sich auf der Sachebene allein nicht erklären lassen. Wenn Macht und Prioritäten benannt werden dürfen, verlieren sie etwas von ihrer verdeckten Wirksamkeit. Missverständnisse werden einordbar. Grenzen werden klarer. Gespräche werden ehrlicher. Zusammenarbeit wird professioneller, weil sie nicht mehr auf Anpassung und Vermeidung basiert, sondern auf Bewusstheit.
Davon profitieren am Ende nicht nur einzelne Personen, sondern ganze Teams und Organisationen. Klarheit, Verantwortungsfähigkeit und Vertrauen wachsen dort, wo nicht so getan wird, als wären alle im gleichen Maß frei und unbeeinflusst. Ein feministischer Blick politisiert Organisationen für mich nicht. Er macht sie realistischer. Er anerkennt, dass Macht wirkt und dass Entwicklung dort möglich wird, wo diese Macht nicht verdeckt bleibt, sondern reflektiert werden kann. Genau darin liegt für mich der große Mehrwert feministischer Haltung im Businesskontext.

Frauen benötigen durchschnittlich 16 bis 17 Minuten pro Tag, um die passende Kleidung auszuwählen. Insgesamt brauchen sie fast drei Viertelstunden, um sich fertig zu machen.















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