Was Sparzwang mit unserem Miteinander macht
- Zoë Schlär

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Ich habe angefangen, an der Anspannung in meinen eigenen Schultern abzulesen, wie die Gespräche laufen werden. Noch bevor ein Wort fällt, weiß mein Körper oft schon, dass wieder einer dieser Sätze kommt. "Ich weiß gar nicht mehr, wo ich zuerst ansetzen soll." "Unsere Situation ist wirklich sehr komplex." "Es ist absolut schlimm geworden, die Reformen treffen uns krass." Das sind Sätze, die ich in der letzten Zeit in vielen Variationen gehört habe, zu Beginn von Mediationen, in Coachingsitzungen und am Rande von Workshops. Und ich frage mich und euch, wie viel Erschöpfung sich eigentlich noch hinter der nächsten Reform, der nächsten Kürzung, der nächsten schlechten Nachricht verbergen darf, bevor irgendetwas passiert. Die Unsicherheit ist, neue Einschränkungen, Einsparungen auf so vielen Ebenen. Und ja, hier ist wohl zu erkennen, dass meine Kundschaft nicht überreich ist, denn das sind wohl die einzigen, die mehr Gewinne einfahren und nirgendwo kürzen müssen.
Gerade in solchen Zeiten, mit beunruhigenden Nachrichten von früh bis spät, würden Menschen besonders gern professionelle Begleitung in Anspruch nehmen. Coaching und Mediation sind genau dafür gemacht, für Phasen, in denen der Boden unter den Füßen wackelt und klare Orientierung fehlt. Ich spreche ausdrücklich nicht vom therapeutischen Bereich, der natürlich auch besonders betroffen ist. Hört hierzu gern mal in den Podcast von Anne Will rein: Wird Psychotherapie in Deutschland kaputtgespart? Mit Christina Jochim.
Doch was ich in den Gesprächen mit meinen Kunden und Kundinnen ebenso spüre, ist ein tieferliegendes Gefühl von Ohnmacht. Der Soziologe Aladin El Mafaalani beschreibt in seinem aktuellen Buch, wie Menschen, die das Vertrauen in Institutionen verloren haben, sich zusammenschließen und einander vertrauen, nicht wegen Kompetenz oder Erfahrung, sondern allein aufgrund des gemeinsamen Misstrauens. Genau dieses Muster begegnet mir gerade auch abseits der großen politischen Bühne, mitten in Teams und Organisationen. Die wiederkehrende Enttäuschung darüber, dass Unterstützung ausbleibt, färbt auch auf den Blick auf die eigene Führung, die eigenen Kolleginnen und Kollegen ab. Sie zeigt sich in Teams, die ohnehin schon unter Einsparungen leiden, die mit wachsenden Dokumentationspflichten kämpfen und die durch den Einzug von KI in ihre Arbeitsprozesse zusätzlich verunsichert sind. All das trifft aufeinander und entlädt sich häufig in Konflikten, die auf den ersten Blick zwischenmenschlich wirken, deren Wurzeln aber tiefer liegen.
Genau hier setzt Mediation an. Sie schafft einen Raum, in dem der zwischenmenschliche Bereich geklärt werden kann, während die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen benannt werden, ohne dass man sich anmaßt, sie in diesem Rahmen auch zu lösen. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre Grenze. Sie kann Klarheit schaffen, aber sie kann keine Budgetentscheidungen rückgängig machen und keine politischen Weichenstellungen ersetzen.
Das eigentliche Dilemma liegt woanders. Der Bedarf an dieser Art von Begleitung wächst spürbar, doch die Mittel dafür schrumpfen. Organisationen, die gerade jetzt am dringendsten Unterstützung bräuchten, haben oft am wenigsten Budget dafür übrig. Es entsteht eine Lücke zwischen dem, was gebraucht wird, und dem, was finanzierbar ist. Und genau das tut einer Gesellschaft nicht gut. Wenn selbst auf der zwischenmenschlichen Ebene kein Raum mehr bleibt, um Konflikte zu klären, führt das zu einer stillen Vereinzelung. Jeder zieht sich in sein eigenes Misstrauen zurück, weil niemand mehr das Gefühl hat, gehört zu werden. Ein gutes Miteinander dagegen macht handlungsfähig. Wer erlebt, dass Konflikte besprechbar sind und Lösungen gemeinsam entstehen, gewinnt Selbstwirksamkeit zurück und damit auch die Kraft, sich für das große Ganze einzusetzen, statt sich davon abzuwenden.
















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