Ich fühle mich aus meinem Nähe-Dauer-Heimatgebiet verdrängt

Aktualisiert: 4. Feb.

Mir tut es gut, eine strukturierte Woche zu haben, einen geregelten Tagesablauf und einen schedule auf den ich mich verlassen kann. Aber im Moment ist alles anders. Mal wieder anders. Anders als vor 2020, anders als in der zweiten oder dritten Corona-Welle und auch anders als vor Weihnachten – denn momentan werden bei mir (wieder) täglich Termine abgesagt und verschoben. Quarantäne, positive Corona-Tests und leichte Erkältungen sind die Ursachen. Glücklicherweise geht es keine:n meiner Kund:innen wirklich schlecht, niemand liegt flach oder landet gar im Krankenhaus. Es geht eher um Vorsichtsmaßnahmen, um die anderen Menschen - so auch mich - zu schützen. Prima! Das ist doch gut und ich kann die Zeit anders nutzen und mit dem Hund in den Wald gehen, eine Yoga-Einheit einschieben oder doch schon mal die eine oder andere Präsentation überarbeiten – denn die meisten Seminare finden nach wie vor online statt.


Aber was macht dieses Hin- und Her mit uns? Mit mir? Als ausgeprägter Nähe-Dauer-Typ (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Riemann-Thomann-Modell) muss ich täglich damit umgehen, dass meine Planung und damit meine Stabilität wackelt. Darüber hinaus fehlt mir die Verbindung zu anderen Menschen, zu meinen Freundinnen und Netzwerkpartner:innen.


Schaue ich mir erst einmal die Dauer-Wechsel-Achse an. Planung, Kontinuität und Kontrolle über bestimmte Vorgänge geben mir Halt und lassen mich in einem festen Gerüst frei fühlen. Als freiberufliche Mediatorin habe ich sowieso mit Schwankungen zu kämpfen. Es gibt einfach Ferienzeiten oder Sommermonate, in denen in meinem Büro kaum etwas passiert. Das Telefon steht still und die Mails die eintreffen, sind zum größten Teil Werbung. Dann gibt es Zeiten, in denen habe ich so viele Termine, dass ich wochenlang keinen einzigen freien Tag habe und abends sehr auf meine Selbstfürsorge achten muss, um aus den konfliktreichen Prozessen wieder auszusteigen. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, damit umzugehen und weder in Panik zu verfallen, wenn ich mal eine Woche ohne Termine habe noch total unter Stress zu geraten, wenn ich täglich in ein, zwei oder drei unterschiedliche Lebenswelten meiner Kund:innen eintauche. Ich habe gelernt, mit dem Jahreszyklus zu leben. Und ja, ich habe mir Strukturen geschaffen, die einen Ausgleich schaffen. Dennoch fühle ich mich belastet und unruhig, wenn in einer Woche mehrere Termine von einem Tag auf den nächsten abgesagt werden und ich schaffe es nicht wirklich, die Zeit im Wald zu genießen – was vielleicht auch daran liegt, dass es bei Regen und 2°C im Wald nicht wirklich erholsam ist…


Auf der anderen Achse geht es um Nähe bzw. Distanz. Mir tun Begegnungen gut, Kontakte und Bindung. Natürlich braucht das jeder Mensch, aber diejenigen mit einer ausgesprochenen Nähe-Ausrichtung stellen Miteinander und Mitmenschlichkeit eher über Individualität oder Freiheit. Mir fehlt in meinem Berufsalltag sowieso ein festes Team und Sparingspartner:innen. Über Jahre hinweg habe ich mich von daher meine Netzwerke und Gruppen aufgebaut, pflege meine Kontakte und bin im Austausch mit anderen Menschen, die in ähnlichen Bereichen arbeiten. Meine Ehrenämter helfen, meine Gespräche mit Mentees, mit Kolleg:innen und auch mit Freundinnen. Und nun ist alles online. Die Supervisionsgruppen, die Vorstandssitzungen und der Austausch mit meiner Lieblingskollegin Kristin (siehe: https://www.klaeren-und-loesen.de/ueber-uns/team/kristin-kirchhoff) . Es fehlt mir sehr, gemeinsam in einem Raum zu sitzen und neben den Inhalten auch ein paar persönliche oder auch private Dinge auszutauschen, es fehlt mir, gemeinsam einen Tee oder ein Glas Wein zu trinken und zu lachen und sich in die Augen zu gucken.


Ich bin total froh um jede Mediation, jedes Coaching und jede Begegnung die in meinem schönen Büro stattfinden kann und ich bin enorm glücklich, dass ich eine so harmonische Partnerschaft führe, in der ich mich sehr geborgen fühle und die vieles auffängt. Und weil es so ist, halte ich die Terminverschiebungen und die online-Meetings noch ein wenig aus. Der Frühling kommt ja bald.

Und wie geht es eigentlich den Menschen, die sich anders im Riemann-Thomann-Modell verorten? Das werde ich noch recherchieren.





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